Jagdverband Delitzsch e.V.

+++Bild von E. Schaarschmidt auf Pixabay

Einem Rothirsch heutzutage in freier Wildbahn zu begegnen, ist eher ein seltenes Ereignis. Die Tiere leben scheu und zurückgezogen in den Wäldern, da ihr natürlicher Lebensraum – die halboffenen Landschaften – durch Straßen und intensive Agrarwirtschaft sehr zergliedert wurde.

Das Rotwild bevorzugt Mischwälder in klimatisch milden Gebieten, in Europa reicht die Verbreitung von Spanien und Schottland bis zum Kaukasus. Am häufigsten vorhanden in Europa ist das Rotwild in den dünn besiedelten Regionen von Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Österreich, Schweiz sowie in Deutschland. Aber auch in den kalten Hochlagen der Alpen, in den feuchten Flussauen Südosteuropas und in den heißen und trockenen Ebenen Spaniens kommt es vor. Was seine Lebensraumansprüche anbelangt, kann es als ausgesprochen anspruchslose Art eingestuft werden. Dennoch muss hier gesagt werden, dass der Ruhebedarf für die Wiederkäuer sehr hoch ist und ständige Beunruhigung zum Abwandern der Bestände führt.

Der Rothirsch hat einen schlank wirkenden kräftig gebauten Körperbau, mit breiter Brust und einen ziemlich langen Hals, welcher Träger genannt wird. Scheinbar mühelos trägt das Männchen seinen majestätischen Kopfschmuck von bis zu 15 kg. Dieses Geweih ist ein starkes Knochengebilde, das auf den Stirnbeinauswüchsen, den Rosenstöcken sitzt. Dieses wird von den Hirschen jedes Jahr im Spätwinter (Februar/März) abgeworfen und bildet sich bis zum Spätsommer (Juli/August) wieder komplett neu aus. Die ausgewachsenen Hirsche (+7 Jahre) erreichen in Europa Gewichte zwischen 100 – 250kg und die weiblichen Tiere 80 – 200kg. In der Dübener Heide liegen die durchschnittlichen Gewichte der Hirsche im reifen Alter (12 Jahre) um die 150kg.

Oft wird das Reh als kleiner Bruder des Rotwildes bezeichnet, aber tatsächlich handelt es sich um zwei völlig eigenständige Tierarten, welche zur Familie der Hirschartigen gehört. Anders als das Rehwild ist das Rotwild nicht auf hochwertige Nahrung angewiesen und wird daher als Nahrungsgeneralist bezeichnet. Der im Verhältnis zur Körpergröße sehr große Pansen ermöglicht es ihm, auch zellulosereiche und nährstoffarme Baumrinde und Gras etc. zu verdauen. Gras, Kräuter, Feldfrüchte aller Art, Rüben, Kartoffeln, die mit den Beinen ausgegraben werden, Eicheln, Bucheckern, Kastanien, wildes Obst, verschiedene Pilze, auch Rinde von 10-40jährigen Bäumen werden gern geschält, ebenso Moos, Flechten, Heidekraut, Knospen und junge Zweige von Bäumen und Sträuchern bilden ihre Nahrung.

Im Tagesverlauf lebt das Rotwild hauptsächlich sehr zurückgezogen und tritt erst mit der Dämmerung zur Nahrungsaufnahme aus der Deckung. Wildbiologische Forschungen in Deutschland haben durchschnittliche tägliche Laufstrecken von 6 km ergeben. Mit zunehmendem Tageslicht zieht sich das Rotwild dann wieder in die Tageseinstände zurück. Werden die nächtlichen Wanderungen gestört (z.B. durch anwesende Menschen) ändert das Rotwild den Auktionsradius und sucht sich alternative Plätze zur Nahrungsaufnahme. Dabei leben die erwachsenen männlichen Hirsche den größten Teil des Jahres in kleineren Hirschrudeln und die weiblichen Stücke mit ihren Kälbern der letzten 2 Jahre in Kahlwildrudeln voneinander getrennt. Die Größe der weiblichen Rudel variiert von kleinen Rudeln (3 Stück) bis zu großen Rudeln in den Wintermonaten von über 100 Stück.

Mit der Paarungszeit Anfang September ändert sich die Struktur der Rudel für fünf bis sechs Wochen. Dazu beginnen die Hirsche schon ab Ende August die angestammten Brunftplätze aufzusuchen, dabei können große Strecken (+100 km) zurückgelegt werden. Ein Hirsch, der ein Rudel begleitet, wird Platzhirsch genannt. Er duldet keine anderen Hirsche in der Nähe des Rudels. In dieser Zeit, wo die Hirsche Hochzeit feiern, wird aus dem König der Wälder plötzlich ein Macho, der in jedem anderen Geweih-Träger einen potenziellen Gegner um die Gunst der Hirschkühe sieht. Aus den einstigen Rudelgenossen werden jetzt Konkurrenten. Dabei geht es auf dem Brunftplatz primär daum Dominanz und Stärke zu repräsentieren – all das wird untermalt von stoßweise herausgepressten Brunftschreien, die weit über die Heide schallen. Lässt sich ein Rivale nicht akustisch vertreiben, fahren die beiden Hirsche auch schon mal mit dem Geweih zusammen und schieben sich über den Brunftplatz, bis der Schwächere seine Unterlegenheit erkennt und die Flucht ergreift. Verletzung sind dabei eher selten zu beobachten, können aber auch für Beide tödlich enden, wenn sich die Geweihe unwiderruflich ineinander verhakten. Die meisten Duelle sind nach wenigen Minuten entschieden. Laut neusten Erkenntnissen von Wildbiologen entscheiden aber primär die weiblichen Tiere darüber, mit welchen männlichen Partner sie sich paaren. So wurde mehrfach beobachtet, dass sich Hirschkühe vom Rudel entfernen und mit anderen Hirschen paaren.

Diese besondere Zeit der Rotwildbrunft steht nun wieder an und ich wünsche allen Lesern viele Freude, wenn sie die Möglichkeit haben die Brunft einmal mitzuerleben. Bitte gewähren sie dem Rotwild dabei den notwendigen Respekt und wahren sie die Integrität des Brunftgeschehens, damit wir dieses faszinierende Schauspiel unserer größten einheimischen Wildart für unsere Nachfahren noch sehr lange erhalten.

Vielen Dank und Weidmannsheil

Mario Graß (Leiter Rotwild Hegegemeinschaft Nordsachsen Dübener Heide)

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